Pressestimmen: "Frühlings Erwachen"
Saison: 2012    Inszenierung: Philip Barth

 

Nach der Eigenproduktion „Helden“ im letzten Jahr, bietet das freie Jugendtheater „Junge Bühne“ für diese Spielsaison in „Frühlingserwachen“ erstmals einen Klassiker.
Im Zentrum von Frank Wedekinds Kindertragödie stehen Melchior Gabor, Moritz Stiefel, Wendla Bergmann, Ilse und einige Mitschüler. Ihre Tragik aus Zukunfts- und Versagensängsten, ersten sexuellen Erfahrungen, gegenseitigen Schuldzuweisungen und Eifersucht ist verfugt mit künstlich pushender Disco-Musik, die allerdings die Stimmung nicht wirklich positiv zu beeinflussen vermag. Dazu nagen zu viele Zweifel an den Protagonisten: „Wozu sind wir auf der Welt, und wozu leben wir?“ Auch wenn die Antwort offenbleiben muss, so ziehen sie aus ihren philosophischen Analysen manch schlüssige Erkenntnis: „Schamgefühl ist nur ein Produkt der Erziehung.“

Auf dem Weg zur Schule treten die Teenager buchstäblich auf der Stelle. Entwicklung ist lediglich in ihrem Dialog, der von der Schulglocke jäh unterbrochen wird. Als Melchior und Moritz ihren Freund Hänschen onanierend (mit dem Rücken zum Publikum) antreffen, wird die Situation mit einem verständnisvollen Grinsen kommentiert: „Download abgeschlossen“. Das erste Liebeserlebnis zwischen Melchior und Wendla ist als friedlich tänzelnder Freudentaumel dargestellt. Genauso menschlich wird der Generationskonflikt beschrieben und die konservativ romantisierende Mutter, die in Sachen Aufklärung viel zu spät ist für ihre offensive 14-jährige Tochter, die bald ihre Schwangerschaft offenbart.
„Das Leben ist Geschmackssache. Mein Geschmack ist es nicht.“ Mit dieser Feststellung beschließt Moritz seinen Freitod, der die Clique in fassungslose Lethargie versetzt und einen ungerechtfertigten Schulverweis seines Freundes Melchior nach sich zieht. Kaum zu glauben, dass dieser Stoff tatsächlich schon über 100 Jahre alt ist. Regisseur Philip Barth hat das Teenager-Drama angemessen modifiziert. Seine Inszenierung ist an einigen Stellen dezent durch zeitgemäßere Ausdrucksweisen angereichert.
Das Bühnenbild verzichtet auf Realismus. Die Stilmittel sind reduziert auf einen Tisch, der als Bar dient und drei Sitzbälle. Als wirkungsvolle Betonung werden sie in einem Ausdruck der Aggression gegen die Wand geschleudert oder kullern zwischen unschuldig verliebtem Fangspiel umher und plumpsen schwerfällig von der Bühne. Das Ensemble spielt souverän, ausdrucksvoll, unhektisch und lässt die Dialoge in spannenden Gedankenpausen wirken.


(Andreas Schermer, Allgemeine Zeitung Mainz - 06.03.2012)