"Wir arme Leut – Sehn Sie, Herr Hauptmann:
Geld, Geld! Wer kein Geld hat – [...] Unsereins ist
doch einmal unselig in der und der andern Welt.
Ich glaub', wenn wir in Himmel kämen, so
müßten wir donnern helfen.
"

Franz Woyzeck in "Woyzeck"

Woyzeck“ im Jugendtheater – Passt das???

Die Frage, ob Georg Büchners „Woyzeck“ in den Spielplan eines Jugendtheaters passt, können wir nur mit einem klaren JA beantworten! Büchner war 23 Jahre alt, als er mit der Arbeit an „Woyzeck“ begann. Das Stück präsentiert die Sicht eines jungen Menschen auf die Abgründe der menschlichen Gesellschaft. Das tragische Schicksal des Franz Woyzeck ist generationenübergreifend kein Einzelfall! Ausgrenzung aus einer Gemeinschaft, Demütigung, Missachtung menschlicher Würde, soziale Ungerechtigkeit sowie sozial-gesellschaftlicher Absturz sind brisante, aktuelle Themen, die Jugendliche bereits ebenso betreffen und beschäftigen, wie Erwachsene. Woyzecks Geschichte ist kein Relikt einer längst vergangenen Zeit, sondern ereignet sich bis heute tagtäglich neu: im Alltagsleben, auf der Arbeitsstelle oder auf dem Schulhof. So erweist sich Büchners „Woyzeck“ letztlich als ideales Klassiker-Stück für den Spielplan eines Jugendtheaters.

Woyzeck
nach einem Dramenfragment
von Georg Büchner


Er steht ganz unten in der Gesellschaft: Friedrich Johann Franz Woyzeck – Urbild der geschundenen und missbrauchten Kreatur. Um seine Freundin Marie und das gemeinsame Kind überhaupt versorgen zu können, hetzt Woyzeck von einer Gelegenheitsarbeit zur nächsten. So stellt er sich beispielsweise als Versuchsperson für medizinische Experimente zur Verfügung und gerät dabei an eine skrupellose Frau Doktor, die ihn im Rahmen ihrer Forschungen dazu zwingt, sich ausschließlich von Erbsen zu ernähren. Die Mangelerscheinungen, die durch die einseitige Kost bei Woyzeck hervorgerufen werden, treiben ihn langsam aber sicher in den Wahnsinn – sehr zur Freude der Frau Doktor, die sich – angetrieben von grenzenlosem Sadismus und der Gier nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen – am Elend ihrer Versuchsperson geradezu weidet. Doch damit nicht genug. Immer wieder sieht sich Woyzeck bei seinen Gelegenheitsjobs mit Menschen konfrontiert, die gesellschaftlich höher gestellt sind als er und die ihn genau dies auch spüren lassen. So rasiert er unter anderem regelmäßig einen Hauptmann des Militärs, um sein geringes, finanzielles Einkommen ein wenig aufzubessern. Allerdings lässt der Hauptmann keine Gelegenheit aus, Woyzeck bloßzustellen und zu degradieren. Woyzeck wird zum Spielball der Gesellschaft. Nach und nach driftet er ab in eine ganz eigene Welt voller Wahnvorstellungen und brutaler Phantasien. Auch sein einziger Freund Andres kommt kaum noch an ihn heran. Gehetzt, getrieben, gequält – bald scheint Woyzeck mehr „dressiertes Tier“ als „freier Mensch“ zu sein. Als er dann noch leidvoll mit ansehen muss, wie seine geliebte Marie – die Mutter seines Kindes – ihn mit einem anderen, sehr attraktiven und gesellschaftlich deutlich besser gestellten Mann betrügt, verliert Woyzeck auch die letzte Bodenhaftung. Er besorgt sich ein Messer… WOYZECK ist die tragische Geschichte eines Menschen, der aller Würde beraubt und von der Gesellschaft zum wilden Tier degradiert wird. Und doch stellt sich immer wieder die Frage, wer hier eigentlich die wahre „Bestie“ ist.

Anlässlich des Georg Büchner-Jahres 2013 präsentiert die JUNGE BÜHNE Mainz WOYZECK als neue Produktion in der Sparte „Junges Schauspiel/Jugendtheater“. Das Fragment gebliebene Drama aus dem Nachlass des bereits im Alter von nur 23 Jahren verstorbenen Georg Büchner gilt bis heute als eines der einflussreichsten Werke der Dramenliteratur in deutscher Sprache. Die realistisch anmutende, ausdrücklich nicht sprachlich idealisierte Gestaltung der Figuren ebnete den Weg für völlig neue Formen der Theaterliteratur. Die Werke Gerhard Hauptmanns, Anton Tschechows und Bertolt Brechts beispielsweise folgen in vielerlei Hinsicht Gestaltungsmethoden, die Büchner in seinem WOYZECK-Fragment einführte und etablierte.