Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin
bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Thomas Brasch

Thomas Brasch – Eine biografisch-literarische Lesung

Das Werk des zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Dichters und Theaterkünstlers Thomas Brasch (1945-2001) erweist sich als Ausdruck der enormen Spannung einer Dichterexistenz in bzw. zwischen den beiden deutschen Staaten BRD und DDR. In Braschs Augen fand die Unterdrückung künstlerischer Freiheit innerhalb des kapitalistischen Systems der Bundesrepublik in der Unterdrückung des autoritären Staatsapparats der DDR ihre Entsprechung. Mit der Wiedervereinigung widmete er sich zudem auch verstärkt der In-Frage-Stellung von Literatur im Allgemeinen – angesichts einer sich ausbreitenden Postmoderne. Der Vortrag möchte Braschs persönlichen Ost/West-Konflikt anhand poetischer Bezugspunkte aus seinem Werk – wie etwa den Gedichten über Babel, Brecht und Christa Wolf – rekonstruieren. Thomas Brasch, langjähriger Lebensgefährte der Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach, entwickelte im Rahmen seiner aktiven Theaterarbeit u.a. am Berliner Ensemble mehrfach gesellschaftliche Gegenentwürfe und verstand die Bühne stets als Experimentierfläche.